Corona, Corona – gal, where you been so long? (1)
Kleine Anmerkung zu Aspekten des möglichen Beginns einer Epoche
Der Mensch ist dem Menschen ein Virus – diese Wirklichkeit ist nun etabliert. Die Schnelligkeit und Widerstandslosigkeit, mit der diese Veränderung hingenommen wurde und wird, zeugt für sich allein schon davon, daß so etwas erwartet wurde. Was den Menschen schon lange quälendes und unterdrücktes Bedürfnis geworden war und dem in den letzten Jahrzehnten zwar immer mehr statt- und Futter gegeben wurde, aber nur nach und nach, in kleinen Dosen, erhält nun plötzlich, beinahe schockartig volle Erfüllung: Angst und Entsolidarisierung als soziales Grundbindemittel der Gesellschaft; der Kampf aller gegen alle um den individuellen Fortbestand in einer Welt meist nicht mehr zu durchschauender, zunehmend sinnfreier Tätigkeiten; die Wahrnehmung des anderen als Risiko, gesundheitlich und anderweitig; der Wille, die Entscheidungen zur Lebensweise bis ins Privateste Experten zu überlassen, überhaupt, betreut zu werden; der Rückzug beziehungsweise die Flucht ins Eigene bei Annahme einer Burgherrenmentalität; das Abschalten intellektueller Tätigkeit zugunsten des sich Überlassens an ein Nervositäts- und Aufregungsregime, das immer neue Stimulationen liefert; der Überdruß an und die Unfähigkeit zu Hingabe, Genuss, Entspannung. Alle dürfen endlich aufatmen im Zeitalter der Atemwegserkrankungen – und zwar in Form von Hyperventilation.
Nebenbei wird dem weniger (post-)modern gestimmten, eher einem traditionellem Autoritarismus verhafteten Bevölkerungsteil durch die Etablierung eines extremen, da Gesellschaft negierenden Ordnungsstaats (2) ein eigener Lustgewinn gewährt, indem soziale Feinde gebrandmarkt und verfolgt werden können, ausgiebig Gelegenheit zur Denunziation besteht und ohnehin jeder erstmal unter Verdacht und Kontrolle gestellt werden darf. Dies ist aber ein, wenn auch erwünschter, dennoch Neben-Effekt. Dem verbreitetem Zustand der Bevölkerungspsychologie entsprechend, schlägt mehr ins Gewicht, daß Grundnervosität, Paranoia, diffuse Angst, Hypochondrie und Hysterie, die bisher zwar auch schon massenhaft auftauchten, aber immerhin noch als Krankheiten betrachtet wurden (die aber seit langem auf auffallend viel Entgegenkommen und Verständnis stießen und an deren Vorhandensein Kritik zu üben schon lange als Zeichen von Zynismus und Menschenverachtung gedeutet wurde), nunmehr als angebrachte, normale, vernünftige Bewußtseinszustände gelten dürfen (und zudem aller Erwartung nach durch die Zwangskarzerierung – wie auch eine Reihe anderer Krankheiten – eine gewaltige Zunahme erfahren dürften).
Soviel läßt sich im Moment schon mal festhalten – und angesichts dessen auf den Vergleich kommen mit der Bewußtseinslage der Bevölkerung in diesem Land vor dem 1. Weltkrieg, als ganz ähnlich in einer Gleichförmigkeit der Meinungen und einem erheblichem Engagement beinahe aller eine Bevölkerung sich besten Willens in ihr Verderben begab. Über den weiteren Sinn und Zweck, Bedeutung und Konsequenz dieses widerspruchsvollen Potpourris an Maßnahmen und Erlässen wird man sich erst langsam durch ruhige Beobachtung und stoische Reflektion allmählich ein Bild machen können, das zu einer angemessenen, umfangreichen Antwort in Wort und Tat verwendbar wäre. Ohnehin ist diese auch als gesellschaftliches Experiment zu begreifende Realinszenierung erst angelaufen und es wird, soviel ist klar und wird auch schon da und dort von den Verantwortlichen angedeutet, noch eine reichliche Zeit dauern, bis die aktuell betriebene Phase beendet und zu einer anderen übergegangen werden wird.
Ansonsten, zur Abrundung:
SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …
ADORNO: Mir nicht. (3)
23.3.2020
(1) Nach Bob Dylan
(2) Eine Art radikaler Gegenentwurf zu Engels’ Vorstellung: „An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht ‚abgeschafft‘, er stirbt ab“.
(3) Beginn eines Interviews des ‚Nachrichtenmagazins Der Spiegel‘ mit einem Kompagnon Max Horkheimers vom 5. Mai 1969